Mittwoch, 22. November 2017

Falsch verstandene Inklusion ist ein Problem

Vor allem, wenn Sozialverbände wie der SoVD (Sozialverband Deutschland) einen Inklusionspreis verleihen, der dann an falsche Personen geht.

So geschehen dieses Jahr: Der SoVD Inklusionspreis geht an Til Schweiger und Michael Stich.

Kann man machen, ist aber eine falsche Auszeichnung in Sachen Inklusion, weil die Projekte der beiden gar nichts mit Inklusion zu tun haben.

Til Schweigers Flüchtlingsarbeit fällt ganz klar unter Integration und die Arbeit der Michael-Stich-Stiftung für HIV-positive Menschen ist eine gesundheitspolitische Leistung.

Muss man heutzutage einem Sozialverband noch den Unterschied zwischen Inklusion und Integration erklären?

Integration bezeichnet die Aufnahme von Menschen in ein bestehendes System, was für Menschen mit Migrationshintergrund steht, die ja aus einem anderen Land/Kulturkeis kommen, d.h. sie sind nicht von Anfang im System, sondern kommen hinzu. Natürlich gibt es auch Migranten, die in Deutschland geboren sind, aber die wachsen in der Regel in beiden Kulturen auf. Wir können natürlich darüber diskutieren, wie weit die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund gelungen ist oder nicht. Es ist nun mal so, dass Integration der Begriff ist für die Einbeziehung der Menschen mit Migrationshintergrund in eine für sie fremde Gesellschaft ist.

Menschen mit Behinderung dagegen sind von Anfang an da in einem System/Gesellschaft und werden in der Regel aussortiert aus der Gesellschaft in Sonderwelten. Und dann wundert man sich, dass das Zusammenführen dieser Welten später nicht funktioniert, weil beide Welten sich nicht kennen - wie soll das auch gehen bei dieser Apartheid? Der Begriff Inklusion will diesen ausgrenzenden Zustand beenden und steht für gemeinsame Lebensräume von Anfang von Menschen mit Behinderung und Nichtbehinderten. Diese Normalität brauchen wir. Wir können es uns gesellschaftlich nicht leisten, dieses Potential durch Ausgrenzung zu verschleudern.

Wenn man beide Begriffe miteinander vermengt, dann verwässert man die Ausgangslage, womit niemandem geholfen ist.

Nochmal zusammmengefasst: Mit Inklusion wird die selbstverständliche Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens als gleichberechtigte Bürger/innen bezeichnet und zwar von Anfang an - es meint also gleichberechtigte Teilhabe!

Bei der Diskussion über die Integration von Menschen mit Behinderung, welche man früher betrieben hat und heute noch betreibt, konzentriert man sich darauf, wie man aus der "Ausgrenzung" von Menschen mit Behinderung Berühungspunkte mit nichtbehinderten Menschen schaffen kann. Darum ist Integration sehr oft falsch verstandene Inklusion - nicht überall, wo Inklusion drauf steht, ist auch wirklich Inklusion darauf, sondern da findet sich oft Integration.

Die Inklusion steht nämlich für den Weg Ausgrenzungen von Anfang an zu vermeiden, indem man von Anfang an gemeinsame Lebensräume hat in allen Bereichen.

Zurück zum Inklusionspreis des SoVD: Wenn man sich mal durchliest, wer so alles zu den Gewinnern gehört, kann man nur den Kopf schütteln, dass nicht mal der Sozialverband Deutschland den Unterschied zwischen Inklusion und Integration kennt.

Aber wir sind ja hier in Deutschland, ne? Deutschland kassierte bei der Staatenprüfung 2015 in Sachen UN-Behindertenrechtskonvention, also in Sachen Inklusion eine glatte 5 notentechnisch. Für 2019 wird es nicht besser aussehen.

Samstag, 18. November 2017

Zwangsverpflichtung zur Versorgung mit einem Cochlear Implantat?

Heute möchte ich den zweiten Punkt ansprechen bei gehörlosen Kindern, der mich aktuell tief besorgt, auch weil ich wie gesagt im kommenden Jahr Mutter werde: 

Derzeit geht ein Fall durch die Gehörlosen- bzw. Gebärdensprachgemeinschaft, weil er eine sehr weite Dimension hat für die Selbstbestimmung gehörloser Eltern mit einem gehörlosen Kind, aber in zweiter Linie auch für hörende Eltern mit einem gehörlosen Kind.

Mir ist der Fall schon seit Anfang September bekannt - es hat sich damals schon abgezeichnet, dass es sehr wahrscheinlich zu einem Gerichtsverfahren kommt.

Was ist genau passiert? In Niedersachsen lebt ein gehörloses Elternpaar, sie haben ihr gehörloses Kind in der HNO-Klinik in Braunschweig vorgestellt zur Abklärung der Gehörlosigkeit und deutlich gemacht, dass sie kein Cochlear Implantat wollen für ihr Kind.

Daraufhin hat der Chefarzt der HNO-Abteilung des Braunschweiger Klinikum die gehörlosen Eltern über eine große Rechtsanwaltskanzlei beim Jugendamt angezeigt. Das Jugendamt übertrug den Fall an das Familiengericht, wo es dann am 20.11. zur einer Anhörung kommen wird.

Das bedeutet, dass zum ersten Mal von richterlicher Seite darüber entschieden wird in Deutschland, ob eine Zwangsverpflichtung zur Versorgung mit einem Cochlear Implantat eingeführt wird, womit die Selbstbestimmung der Eltern, egal ob gehörlos oder hörend, für null und nichtig erklärt wird und zweitens die Akzeptanz gehörloser Menschen und deren Kultur erheblich in Frage gestellt wird.

In der Vergangenheit waren schon immer wieder mal gehörlose Eltern und hörende Eltern der Drohung ausgesetzt seitens der Ärzte und des Jugendamtes, man werde für den Entzug des Sorgerrechts sorgen, wenn das gehörlose Kind kein Cochlear Implantat erhält. Diese Vorgänge sind wirklich nichts neues.

Darüber habe ich auch schon mal umfasend gebloggt im Jahr 2011: "My last 5 cents - CI-Zwang für gehörlose Kinder?", wo es um die Blogeinträge zum Fall von 2010 geht, wo Eltern vom Jugendamt zur Versorgung mit dem Cochlear Implantat gezwungen werden sollten, weil eine Kindswohlgefährdung vorliege.

Auf welcher Grundlage der HNO-Arzt wohl seine Klage eingereicht hat? Es ist stark anzunehmen, dass er das unsägliche Essay von Müller & Zaracko kennt und sich auch darauf beruft: Download-Link: http://www.schattauer.de/de/magazine/uebersicht/zeitschriften-a-z/nervenheilkunde/inhalt/archiv/issue/1057/manuscript/12865.html

In diesem PDF wird ganz unverholen davon gesprochen, dass der Staat in die Erziehung gehörloser Eltern eingreifen solle, wenn diese ihr Kind NICHT mit einem CI versorgen lassen wollen, da das Kind als Träger eigener Grundrechte Anspruch auf den Schutz des Staates hat.

Ich äußere gerne noch mal meinen Standpunkt zu Müller und Zarackos Thesen: Die beiden haben überhaupt keine Ahnung, wovon sie schreiben - ganz im Ernst. Interessanterweise beziehen sie sich eindeutig auf den Hintergrund gehörloser Eltern mit einem gehörlosen Kind, nicht etwa auf hörende Eltern mit einem gehörlosen Kind. Laut Müller & Zaracko sind gehörlose Eltern einem Cochlear Implantat gegenüber ablehnend eingestellt. Das kann zutreffen, muss aber nicht und es ist auch nicht verwunderlich bei der Geschichte Gehörloser, denn die Gebärdensprache, die Muttersprache der Mehrheit der Gehörlosen wurde jahrelang unterdrückt und als Kommunikationsmittel verboten, da die angeblich das Erlernen der Lautsprache behindern würde. Heutzutage weiß man, dass diese jahrelange Annahme völlig falsch ist, was eigentlich nur logisch ist, wenn man sich bilinguale Kinder anschaut aus binationalen Beziehungen, denn dort verbat man ja den Eltern ja auch nicht, das Kind mehr als zwei Muttersprachen "auszusetzen".

Zum Erwerb der Lautsprache ist es übrigens nicht zwingend nötig hören zu können, da das Gehirn keinen Unterschied macht, ob der Spracherwerb in Lautsprache oder Gebärdensprache stattfindet. Wichtig ist nur, dass es eine funktionale Kommunikation gibt, weil nämlich darüber Bildung passiert. Ich denke da mal an den Fall Kaspar Hauser: Hauser war nicht gehörlos, hatte aber keine angenehme Kindheit durch die starke Vernächlässigung und war überhaupt nicht altersgemäss der Sprache mächtig.

Erst durch die Förderung eines Nürnberger Professors holte er alles auf und nahm später sogar eine Stelle als Schreiberling vor Gericht an. Warum ich den Fall anführe? Weil sehr häufig damit argumentiert wird, dass es ein Zeitfenster zum Erwerb der Lautsprache gibt. Den gibt es so nicht, denn dem Gehirn ist es ja erst mal egal, auf welchem Weg es den Input erhält. 

Wieder zurück zu dem Thema: Schon die Studie von Szagun hat aufgezeigt, dass die Versorgung bei einem gehörlosen Kind mit einem Cochlear Implantat nicht automatisch einen natürlichen Sprachwererb garantiert: http://www.giselaszagun.com/de/CI_Broschuere_2010.pdf

Ebenfalls ist hier auch diese Infomationsmaterial interessant, wie der Spracherwerb abläuft bei Kindern mit Hörbehinderung: https://www.kestner.de/n/verschiedenes/presse/2007/spracherwerb-info.pdf

Was für mich aber in dieser Situation extrem interessant ist, die medizinische Hochschule Hannover, welche die weltweit größte Klinik ist für die Versorgung mit dem Cochlear Implantat ist, gab im April 2016 eine Studie heraus mit der Behauptung, dass Hören und Denken eng miteinander verbunden sind und hat in dieser PM zur Studie mal elegant in einem Nebensatz unterschlagen, dass nur 70% der CI-Kinder zu einem altersgemässen Spracherwerb kommen, 30% gar nicht:

Hier die Pressemitteilung der MHH Hannover: Hören und Denken sind eng miteinander verbunden. Zur dieser Studie hat Professor Christian Rathmann, selbst gehörlos und Experte für Linguistik und Gebärdensprache eine Stellungsnahme herausgegeben: https://www.mh-hannover.de/46.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=4495&cHash=ab9ca23e91a99e8c9436140d9524209f

Das ist eins der vielen Beweise dafür, dass das CI gar nicht so eine große Erfolgsgeschichte ist, wie immer wieder in den Medien und von seiten der Ärzten, Sozialpädagogen und der ganzen medizinischen Seite suggiert wrid. Wäre es wirklich so, dann müssten die Regelschulen voll sein mit den CI-Kindern. Das ist aber nicht der Fall.

Dann gibt es noch die andere Ebene, die mich bei dem aktuellen Fall sehr besorgt: Es wird gehörlosen Eltern einfach nicht zugetraut, dass sie selbst aufgrund des eigenen Hintergrunds die besten Experten sind für ihr Kind - ihnen werden einfach per Default Erziehungskompetenzen abgesprochen. Das nennt man Paternalismus.

Die Eltern haben sich übrigens nicht deswegen gegen die Versorgung mit dem Cochlear Implantat ausgesprochen, WEIL sie gehörlos sind, sondern weil sie die beiden Seiten der Medaillen kennen und gründlich abgewogen haben.

Die Deutsche Gehörlosenzeitung hat einen sehr guten Artikel mit allen Details dazu, wie die ganzen Vorgänge abgelaufen sind:
http://gehoerlosenzeitung.de/zwang-cochlea-implantat-familiengericht/

Noch etwas zum Hintergrund des Chefarztes des HNO-Klinikums Braunschweig, auf den die Anzeige gegen die Eltern zurückgeht: Er hat seit 2014 die Abteilung Cochlear Implantat in der Klinik etabiliert und behauptet dort unter anderem: "Es handelt sich dabei um die beste Neuroprothese, die bisher entwickelt wurde, da das CI auf diese Weise in der Lage ist, den Hörsinn wieder komplett herzustellen."

Die Behauptung ist kompletter Blödsinn, da nicht differenziert auf die Hörbiografien der Patienten eingegangen wird. Der Hörerfolg hängt natürlich auch stark davon ab, ob der Patient noch nie gehört hat, schwerhörig ist oder spät ertaubt ist. Man kann nicht pauschal behaupten, dass das CI bei jedem Patienten den Hörsinn komplett wieder herstellt, zumal auch viele Studien dagegen sprechen.

Übrigens hat es einen sehr düsteren Nebengeschmack, wenn jemand der hauptsächlich sein Geld verdient mit Implantationen, die Eltern eines gehörlosen Kindes verklagt und dafür sorgen könnte, dass die CI-Industrie noch mehr Geld verdient, weil vielleicht das Urteil lauten könnte, dass gehörlose Kinder zwangsversorgt werden müssen.

Für Leute, die hier eine Paralelle zur Impfpflicht sehen möchten: Ja, ich bin für die Impfflicht, weil dadurch Leben gerettet werden können durch die Herdenimmnität.

Aber eine Zwangsimplantation mit dem Cochlear Implantat ist etwas, was nicht zur Verpflichtung werden sollte, weil es immer eine individuelle Entscheidung ist und davon kein Mensch stirbt oder andere Menschen,  wenn keine Versorgung mit dem Cochlear Implantat stattfindet.

Für mich ist es ebenfalls klar: Sollte es sich herausstellen, dass mein Kind ebenfalls gehörlos ist, dann bekommt es ebenfalls kein Cochlear Implanat, weil es nicht lebensnotwendig ist. Es fällt davon nicht tot um, wenn es nicht hören kann. Heutzutage kann man mit den digitalen Hörgeräten extrem viel herauskitzeln und wenn das Kind irgendwann sagt: "Ich möchte ein Cochlear Implantat.", dann werde ich es aufklären, welche Riskien es gibt bei einer Operation und dass es keine Garantie gibt für einen Hörerfolg gibt.

Die Ärzte fanden es übrigens bei mir, dass es ein Hörerfolg ist, dass ich mit dem CI telefonieren konnte. Aber mir war das egal, weil mir andere Dinge wichtiger waren als telefonieren zu können. Mir ging es schon immer darum, dass man so akzeptiert wird, wie man ist und dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. Und nicht erst ab dem Punkt, wo man sich an die Norm angepasst hat.

Ich bin gespannt auf den Tag des Urteils am 20.11.2017 - hoffentlich erkennen die Richter Artikel 2 und 3 des Grundgesetzes und die UN-Behindertenrechtskonvention als Richtlinie an. Alles andere wäre ein Rückfall in alte dunkle Zeiten und katastrophal.

UPDATE 19.11.2017: Inzwischen gibt es ein Statement von Professor Christian Rathmann zu dem Fall - es ist absolut lesenswert:
https://twitter.com/crathmann/status/932207137748549632




Freitag, 10. November 2017

Neugeborenenen-Hörscreening - ja oder Nein?

In wenigen Monaten werde ich zum ersten Mal Mutter, was natürlich eine schöne Nachricht ist, aber auch für viel Kopfzerbrechen sorgt auf meiner Seite, ob ich eine gute Mutter sein kann und werde?

Und dieses Kopfzerbrechen mache ich mir nicht, WEIL ich gehörlos bin, sondern weil das die völlig normalen Gedanken jeder werdenden Mutter sind. Gehörlose Eltern haben genau die gleichen Sorgen, Gedanken, Probleme wie andere Eltern auch.

So soll es sein und nicht anders.

Es gibt aber zwei Punkte, die mich mich schon seit längerem besorgen im Bezug auf die Gehörlosigkeit, da Gehörlosigkeit defizitär angesehen wird. Einen Punkt davon möchte ich heute mit diesem Post klarstellen:

Seit dem 01. Januar 2009 gibt es das Neugeborenenhörscrenning. Und es war schon immer ganz klar für mich, dass ich das ablehnen werde aus verschiedenen Gründen und habe dies auch mit meiner Hebamme besprochen, warum ich das so kritisch sehe.

Hier ist ein Blogbeitrag von 2009 dazu: Neugeborenen-Hörscreening sinnvoll?

Meine Mutter, also die künftige Oma kam dann etwas später zum Gespräch hinzu und hat auch gesagt, dass sie aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen auch dagegen ist und erzählte, dass als bei mir mit knapp etwas über einem Jahr die Gehörlosigkeit diagnostiert wurde, eine ganze Woche aufgehört hat mit mir zu sprechen, weil sie so geschockt war. Sie fing sich dann aber wieder und ging dann auch wieder ganz normal mit mir um.

Zitat Mama aka zukünftige Oma: "Ich hätte es nicht so früh wissen wollen. Ich hatte zum Glück schon diese Bindung da zu meiner Tochter und nach dem ersten Schock habe ich dann einfach ganz normal weitergemacht mit den ganzen Fingerspielen und die ganzen Dinge, die ich davor auch gemacht habe. Ich weiß nicht, ob ich diese ganze Fingerspiele gemacht hätte, wenn ich es schon in den ersten Lebenstagen gewusst hätte - ob ich dann so "normal" umgegangen wäre. Und wenn man die Gehörlosigkeit schon in der Schwangerschaft feststellen hätten können, dann hätte ich sie nicht bekommen."

Über diese Aussage von Mama hab ich auch schon mal gebloggt:
Wer darf leben? - eine Antwort auf den Zeit-Artikel damals

Da war meine Hebamme auch geschockt und es war auch besser verständlich danach, warum ich das auch ablehnen werde: Man muss nicht in den ersten Lebenstagen wissen, ob das Kind hört oder nicht, es ist in meinen Augen einfach nur wichtig eine Bindung zum Kind aufzubauen und zwar ganz ohne Belastung, denn man fragt sich ja sowieso schon von Anfang an, ob man auch alles richtig macht mit dem Kind.

Außerdem ist das Ergebnis des Neugeborenenscreening nicht immer 100% korrekt, denn mir sind Fälle bekannt, wo das Ergebnis so war, dass das Kind schwerhörig/gehörlos sei laut Testergebnis und bei der U4 dann war alles in Ordnung. Von daher sehen wir das alles sehr gelassen: Das Neugeborenenhörscreening wird nicht durchgeführt beim Baby, die Untersuchung bei der U4 reicht völlig aus. Was mich auch besonders freut: Seit neuestem steht bei der U-4 als Empfehlung, dass man diagnostierter Schwerhörigkeit/Gehörlosigkeit den Kindern die Förderung durch Gebärdensprache und Lautsprache empfehlen soll.

Genau so kommt es auch: Das Kind wird billingual erzogen werden von Anfang an. Etwas besseres kann einem Kind gar nicht passieren.

Achja, sollte sich herausstellen, dass das Kind gehörlos/stark schwerhörig ist, wird es kein Cochlear Implantat bekommen. Darüber kann es dann selbst entscheiden, wenn es groß ist.

Und ich wüsste auch nicht, warum es ein Problem sein soll, wenn das Kind gehörlos ist - hauptsache, es ist gesund.

Mittwoch, 1. November 2017

Barrierefreiheit im gesamten Gerichtsverfahren nun auch für Gehörlose!

Bisher war es so, dass Gehörlose nicht im gesamten Gerichtsverfahren einen Anspruch hatten auf die Kostenübernahme des Gebärdensprachdolmetschers, d.h. sie mussten oftmals die Kosten aus eigener Tasche bezahlen. Das war so eine klassische Situation, wo man sich als gehörloser Mensch nicht wehren konnte, weil die Kosten für die Gebärdensprachdolmetscher zu hoch waren.

Nun ist seit dem 19. Oktober 2017 diese Schranke gefallen: Der Kosten für Gebärdensprachdolmetscher im gesamten Gerichtsverfahren werden nun ganz übernommen - die Regelung gilt für alle Zivil- und Strafgerichte inklusive der Arbeits-, Finanz- und Sozialgerichte.

Aber es muss unbedingt noch eine weitere Schranke fallen: Die Kosten für die Gebärdensprachdolmetscher bei einem Beratungsgespräch bei einem Anwalt und weitere Gespräche mit dem Anwalt, wenn man dem einen Auftrag erteilt, müssen immer noch selbst gezahlt werden aus eigener Tasche.

Und eine Stunde Gebärdensprachdolmetscher schlägt mit 75 € zu Buche. Da kann man sich ausrechnen, dass auch wieder viele Gehörlose hier oft zwar im Recht sind, aber es nicht wahrnehmen können, weil es keine Kostenübernahme gibt.

Ich hoffe daher, dass die künftige Bundesregierung in der nun anfallenden Legislaturperiode diese Barriere beseitigt, so dass Gehörlose genau die gleichen Rechte wahrnehmen können wie Nichtbehinderte in diesen Fällen.

Hier ist der Link zum neuen Gesetz: https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2016/08/2016-08-31-gesetz-medienoeffentlichkeit.html

Sonntag, 15. Oktober 2017

"Taubstumm" ist einfach ein No-Go!

Die Medien lernen es offenbar nie: Da hat der STERN einen Bericht über eine App für "Taubstumme" online und der Artikel ist voller Fehler.

Ich hab den Artikel mit einem donotlink versehen, weil ich nicht möchte, dass solche Artikel Traffic erhalten: 18-Jähriger entwickelt App, die Taubstumme kommunizieren lässt.

Erstens: Gehörlose als Taubstumme zu bezeichnen ist einfach unzutreffend, da Gehörlose in keinster Weise stumm sind. Wir können sprechen, unsere Stimme hört sich einfach nur ungewohnt hat. Und sehr viele Gehörlose benützen ihre Stimme einfach nicht, weil sie es nicht wollen, da sie sich damit unwohl fühlen.

Außerdem ist kein Mensch stumm, der über eine Sprache verfügt, ergo sind Gehörlose mit Gebärdensprache als Muttersprache oder Zweitsprache nicht stumm.

Ich habe hier schon öfters erklärt, warum Medienschaffende sensibler sein sollten, wenn sie über Menschen mit Behinderungen berichten. Oder mal in den Duden reinschauen sollten - dort steht auch, dass der Begriff Taubstumm nicht empfohlen wird.
Hier ist der besagte Blogeintrag von 2009 (!) dazu:
Ein wichtiger Hinweis für die Medienbranche.

Kurzfassung: Gehörlos oder Taube als Begriff ist okay, Taubstumm jedoch ein absolutes No-Go.

Weiterhin offenbart der Artikel deutlich, dass der Verfasser kein Expertenwissen hat von Gehörlosen, denn dort steht: "Die kostenlose Applikation übersetzt Text in Sprache und vice versa. " Hier haben wir genau das gleiche Problem: Es ist eine Einbahnstraßen-Lösung.

Die gehörlose/taube Person muss also den Text eingeben, die dann in Lautsprache übersetzt wird. Aber es gibt keine Rückübersetzung von der Lautsprache in Gebärdensprache
Das wird es auch nie geben bei diesen technischen Lösungen, weil die Gebärdensprache ihre eigene Grammatik und Syntax hat. Außerdem ist die Schriftsprache für die meisten Gehörlose eine Fremdsprache, weswegen sie in der Schriftsprache auch nicht zuhause sind.

Das ist der Denkfehler bei solchen technischen Lösungen für die armen, armen Gehörlosen - es sind Übersetzer für Hörende, aber nicht für Gehörlose!

Und natürlich weist der Artikel am Ende daraufhin, dass Gebärdensprach-Handschuhe jaaaa die ultimative Lösung sind in Sachen Kommunikation für Gehörlose - und hier kann man den gleichen Denkfehler vorfinden - ich habe dazu auch schon mal ausführlich im April 2016 dazu gebloggt, warum Gebärdensprach-Handschuhe auch eine Einbahnstraße sind kommunikationstechnisch:
Warum Gebärdensprach-Handschule nutzlos sind
Besonders schmunzeln musste ich auch bei der Angabe des Erfinders aus Argentinien, dass es noch keine Hilfsmittel dafür gäbe in solchen Situationen: "Wenn ein Gehörloser Auto fährt, ist es wichtig, dass er Warnsignale erkennt, wie beispielsweise herannahende Krankenwagen. Genauso fehlt bislang die Technologie, dem Gehörlosen darzustellen, dass es an der Tür klingelt oder das Baby weint."

OOOH. Ich fahre genau wie meine gehörlosen Freunde schon SEIT Jahren Auto und das ganz ohne Hilfsmittel. Wir benützen unsere Augen und sind komischerweise immer die ersten, die zur Seite fahren, wenn ein Krankenwagen herankommt, weil wir visuelle Menschen sind. Und für das Klingeln an der Haustüre/Telefonklingeln oder Babyschreien? Nun, dafür gibt es Blitzlichtanlagen/Vibrationsalarme, die man sich in die Wohnung installieren kann. Und das schon seit Jahren. Auch in Südamerika.

Das müsste der Erfinder eigentlich wissen, da laut dem Artikel seine Mutter Gebärdensprachdolmetscherin ist und Gehörlose unterrichtet. Aber auch hier scheint der Verfasser des Artikels etwas ganz gründlich durcheinandergebracht haben. Gebärdensprachdolmetscher übersetzen zwischen Hörenden und Gehörlosen, d.h. von der Lautsprache in Gebärdensprache und von Gebärdensprache in Lautsprache - sie sind keine Lehrer für Gehörlose!

Ich wünsche mir da echt mal, dass die Verfasser solcher Artkel mal ordentliche Hintergrundrecherche betreiben, bevor sie so grundfalsche Artikel über Gehörlose und deren Situation schreiben.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Musikdolmetschen ist so überflüssig wie Fußpilz!

Und das ist aus verschiedenen Faktoren einfach so.

Worum geht es eigentlich beim Musikdolmetschen? Musikdolmetschen ist die Bezeichnung für das Übersetzen der Musik bzw. Songtexte in Gebärdensprache.
(Hier ein kleiner Einschub - da offensichtlich viele Leute denken, dass ich damit auch Untertitel meine. Das ist falsch. Ich rede von den Übersetzungen der Gebärdensprachdolmetschern bei Konzerten. Wenn ein (hörender) Gebärdensprachdolmetscher Musik übersetzt, so ist das immer eine eigene Interpretation der Lautsprache in die Gebärdensprache. Und mit den Regeln des Dolmetschen der Gebärdensprache hat das fast gar nichts mehr zu tun.  An sich schreibt also ein hörender Gebärdensprachdolmetscher Gehörlosen vor, wie die Musik zu "sehen haben. 
Und zweitens: Untertitel sind Verschriftlichungen der Lautsprache - und sind ganz klar im Fernsehen und DVD/Youtube zuhause - also im Bewegtbild. Und in der Oper heißen Untertitel Obertitel. Und ich bin immer für Untertitel und Gebärdensprache IM Fernsehen, weil das zur Barrierefreiheit gehört.) 

An sich ist Musikdolmetschen ein schönes Ding - ich schau mir das auch gerne an, aber da gibt es ein ganz großes und fettes Aber, weil ich Qualität zu schätzen weiß:

Ich mag die Übersetzungen der tauben Gebärdensprachdolmetscher bei Konzerten viel lieber. Moment mal, taube Gebärdensprachdolmetscher? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Nein. Taube Gebärdensprachdolmetscher übersetzen meistens von einer fremden Gebärdensprache in die Muttersprache und umgekehrt. Oder Schrifttexte in eine Gebärdensprache. Oder sie werden vom hörenden Gebärdensprachdolmetscher "gefüttert", um dann die "Nahrung" in den muttersprachlichen echteren Kontext zu bringen, so dass sie auch wirklich verstanden werden Gehörlosen.

So fand ich die Übersetzungen der tauben Gebärdensprachdolmetscher beim Songcontest Eurovision aus Wien wirklich gut gemacht und auch gut anzuschauen. Darüber habe ich hier schon mal gebloggt: http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2015/07/mehr-musikvideos-statt-mehr-echte.html

Zurück zum eigentlichen Thema: Musikdolmetschen ist überflüssiger Luxus, denn bei einem Mangel von 250 Gebärdensprachdolmetschern pro Bundesland, ist die Grundversorgung der Gehörlosen nun mal nicht mal im Alltag irgendwie auch nur ansatzweise komplett gesichert. Das bedeutet im Umkehrschluss: Jeder (hörende) Gebärdensprachdolmetscher, der da auf Konzertbühnen dolmetscht, der fehlt an einer viel wichtigeren Ecke.

Mir wird wohl jeder zustimmen, dass niemand möchte, dass ein gehörloser Mensch in einer Notfallsiuation stirbt, weil kein Dolmetscher frei war, richtig? Jetzt kommt die gemeine Steigerung der Frage: Was wäre, wenn man den Tod des Gehörlosen verhindern hätten können, wenn der hörende Gebärdenspracholmetscher zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Bühne gestanden hätte, sondern frei gewesen wäre, wenn man ihn NICHT für das Musikdolmetschen engagiert hätte?

Natürlich könnte man jetzt sagen, dass das eine sehr weit hergeholte Situation ist, aber das ist etwas,
was bei dem extremen Dolmetschermangel passieren kann und wohl auch schon passiert ist, dass
Gehörlose deswegen medizinisch oder in anderen wirklich wichtigen Situation unterversorgt waren und sind.

Musikdolmetschen deswegen zu forden, weil man Inklusion für alle fordert, ist so als würde man in einem Gebiet mit extremer Trockenheit und Wassermangel, eine Bewässerungsanlage für den eigenen Garten forden.

Die bisherigen Ressourcen geben das einach nicht her, weswegen man mit dem vorhandenen Material arbeiten muss, was da ist: Die Grundversorgugung aller wichtigen Bereiche sicherstellen, wie z.b. Verdolmetschung aller politischen Veranstaltungen, Verdolmetschung von allen Nachrichtensendungen im Fernsehen, Verdolmetschungen aller Elternabende im Kindergarten und Schule, Verdolmetschungen auch bei kurzfristigen Arztbesuchen oder im Krankenhaus, Verdolmetschungen an REGELSCHULEN, Verdolmetschungen von Geburtskursen, Verdolmetschungen von Behördengängen, Verdolmetschungen von Verbraucherschutzzentralen, Verdolmetschung beim Autokauf, Verdolmetschung beim Häuserkauf und beim Anwalt und auf der Bank... Ich könnte diese Liste hier endlos aufzählen - das sind alles Bereiche, die extrem notwendig sind und dort die Versorgung nicht mal ansatzweise irgendwie zufriedenstellend gesichert sind.

In der Regel ist es aufgrund des extremen Mangels sogar so, dass man Gebärdensprachdolmetscher 6-4 Wochen vorher bestellen muss und selbst dann gibt es keine 100% Garantie, dass es klappt.

Und wisst ihr, was das Schlimmste ist: Häufig ist so, dass Gelder für das Musikdolmetschen auch von öffentlichen Stellen also öffentlicher Hand viel einfacher locker gemacht werden statt für wirklich wichtige Dinge, weil Hörende sich ja sooo mit den armen Gehörlosen identifizieren und ihnen unbedingt Zugang zur Musik geben wollen statt anderen wichtigen Dingen. Das ist doch zum Haare raufen, oder?

Mir kann doch keiner erzählen, dass man es gut findet, dass Gehörlose um Barrierefreiheit bei wichtigeren Dingen regelrechte kämpfen und sich das ertrotzen müssen mit viel Aufwand, während das Musikdolmetschen oft einfach ohne großen Aufwand bewilligt wird?

Meiner Meinung nach müsste man hier der öffentlichen Hand das Verbot ausssprechen, dass Gelder überhaupt für Musikdolmetschen von hörenden Gebärdensprachdolmetschern ausgegeben wird - sollen doch die Bands selber für die Kosten übernehmen. Etwas anderes wäre es, wenn die Band mit tauben Gebärdensprachdolmetschern zusammenarbeiten würde für Übersetzungen, weil das wäre nämliche eine Zusammenarbeit, die wirklich inlusiv wäre - aber das ist eine andere Schiene jetzt.

Wenn die BANDS die Gebärdensprachdolmetschern aus eigener Tasche bezahlen ohne Finanzierung aus öffentlicher Hand oder irgendwelche Charity-Organisationen, dann können die das gerne machen. Eine Stunde Gebärdensprachdolmetscher kostet 75 Euro. 

Übrigens hat das Grimme Institut dieses Jahr den Grimmepreis für das Musikdolmetschen vergeben, was in meinen und in den Augen vieler anderer Gehörlosen und auch Gebärdensprachdolmetschern so ist, als würde man einen Hörfilmpreis ausloben für den besten Farbfilm.

Was mich und viele andere Gehörlose übrigens noch massiv am Musikdolmetschen stört ist, dass vor allem beim Publikum ankommt: "OH, die Band ist ja so sozial eingestellt, die denken an die armen Gehörlosen, die würden sonst GAR NICHTS von der Musik haben." Und so ist die Berichterstattung auch - die Band kommt gut weg in dem Bericht - dahinter steckt nichts anderes als der pure Chartiy-Gedanke und die totale Mitleidschiene. Das gleiche kann man auch bei Filmen beobachten mit gehörlosen Geschichten sind fast immer mit Musik verbunden.

Die beste Werbung für den Beruf des Gebärdensprachdolmetschers ist immer noch, wenn Gebärdensprachdolmtscher bei esstentiell wichtigen Veranstaltungen und bei allen Nachrichtensendungen im Fernsehen ein selbstverständlicher Bestandteil sind und der Beruf dadurch so sichtbarer wird. So kann man den Nachwuchs rekrutieren.

Und ich bin ja nicht bei weitem die einzige Stimme unter den Gehörlosen, die das Musikdolmetschen als überflüssig ansieht und daran heftige Kritik übt. Die beiden Artikel hier zeigen sehr gut auf, was das wirklich kranke daran ist: http://archiv.taubenschlag.de/meldung/10059

Wir können gerne über das Musikdolmetschen von hörenden Gebärdensprachdolmetschern reden, wenn die Grundversorgung aller Gehörlosen gesichert ist - momentan ist aber die Wichtigkeit von Musikdolmetschen so wichtig wie ein Fußpilz bei der Auflistung von Barrierefreiheit. Es ist nun mal die harte Realität, dass wir bei dem Mangel an Dolmetschern an die Grundversorgung denken müssen.

Und das bedeutet nicht, Minderheiten auszuschließen, sondern die Grundversorgung aller Gehörloser zu sicherstellen - nämlich genau die gleichen selbstveständlichen Sachen jeden Tag barrierefrei für Gehörlose anzubieten, die für Hörende selbstverständlich jeden Tag barrierefrei sind.

Wenn dieser Tag da ist, bin ich gerne bereit, Musikdolmetschen nicht mehr als Fußpilz zu sehen.


Mittwoch, 9. August 2017

Die Rolle von Menschen mit Behinderungen in den Wahlprogrammen der CDU

Jetzt trudeln ja so langsam die Wahlprogrammen der Parteien ein, die voraussichtlich im September 2017 wieder oder neu in den Bundestag einziehen werden.

Ich hab mir mal den Spaß gemacht, mir die ganzen Wahlprogramme durchzulesen, inwieweit Menschen mit Behinderung darin auftauchen und was soll ich sagen? Ich bin überhaupt nicht positiv überrascht.

Als erstens habe ich mir also die Wahlprogramme der CDU vorgenommen, da die ja die Kanzlerin stellt und das Wahlprogramm mit den Schlagwörter wie Inklusion, Behinderung, Beeinträchtigung, gemeinsames Lernen, Demografie, demografischer Wandel und Gebärdensprache durchgesucht.

Gehen wir mal zum Wahlprogramm der CDU, die ja ihr Regierungsprogramm mit den Worten bewirbt: "Für ein Deutschland, indem wir gut und gerne leben." und lassen die Schlagwörter durchlaufen.

Wieviele Treffer gab es zu Inklusion? Null. Nichts. Nada.

Wieviele Treffer zu Behinderung? Auf Seite 9 findet sich folgender Abschnitt:

"CDU und CSU sind Volksparteien. Wir tragen Verantwortung für alle Menschen und geben ihnen politische Heimat. Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten, Menschen aus Stadt und Land, Frauen wie Männer, Ältere wie Jüngere, Menschen mit Behinderungen, Arbeitnehmer und Unternehmer Einheimische und Zugewanderte. Wir sind Volksparteien der Mitte und unser Politikangebot wendet sich an alle Menschen in Deutschland."

Dann auf Seite 13 findet sich ein weiterer Treffer zum Begriff Behinderung: 
"Eine Behinderung darf kein Armutsrisiko für den Betroffenen oder sein Umfeld darstellen. Mit dem Bundesteilhabegesetz haben wir grundlegende Verbesserungen erreicht. Durch Arbeit zum eigenen Lebensunterhalt beitragen zu können, hat für Menschen mit Behinderung eine besondere Bedeutung. Es braucht mehr Offenheit bei der Einstellung von Mitarbeitern mit Behinderung."

Das war es zu den Treffern: Der Begriff Behinderung findet sich 4 mal im ganzen Regierungsprogramm, auf Seite 9 und Seite 13. 

Ich kann auch nicht feststellen, dass das Bundesteilhabegesetz entscheidend die Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen verbessert habe. Jeder, der diese Behauptung aufstellt, der ignoriert den großen Protest der Menschen mit Behinderungen im Jahr 2016 gegen das Behindertengleichstellungsgesetz und Bundesteilhabegesetz. Der Hashtag: #NichtmeinGesetz sagt ganz deutlich, dass das Bundesteilhabegesetz eine Mogelpackung ist, die sich für Nichtbehinderte gut anhört, aber für Menschen mit Behinderung völlig an der Lebensrealität vorbeigeht. 

Die Ergebnisse zu den weiteren Schlagwörtern:

Das Wort Beeinträchtigung wird ja auch für Behinderung genommen, die Treffer sind: Null.

Manchmal versteckt sich schulische Inklusion ja auch unter dem Begriff gemeinsames Lernen, also mal gecheckt: Null Treffer.

Demografie und demografischer Wandel: Null Treffer.

Gebärdensprache: Null Treffer.

Ich war dann mal so neugierig und hab mal nachgeschaut, was so unter Bildung auftaucht. Vor allem diesen Satz hier auf Seite 9 fand ich ja doch sehr bemerkenswert:
"Die rotgrüne Koalition hat im Jahr 2005 über 5 Millionen Arbeitslose hinterlassen. In der Regierungszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Union ist es uns gelungen, die Arbeitslosigkeit zu halbieren. Im Juni dieses Jahres lag die Arbeitslosigkeit unter 2,5 Millionen, das entspricht einer Arbeitslosenquote von nur noch 5,5 Prozent." 

Die Arbeitslosenquote, die da kolportiert wird, ist schon sehr geschönt, weil da vermutlich wie in den meisten Statistiken zur Arbeitslosenquote die Langzeitsarbeitslosen und die in irgendwelchen Fortbildungsprogrammen stecken, herausgerechnet werden. Und im übrigen wird die Arbeitslosenquote von Menschen mit Behinderungen gar nicht erwähnt - die lag nämlich im Jahr 2016 bei 13,4%. 2015 lag die noch bei 13,9 % - der Fünf-Jahres-Wert liegt allerdings bei 14,9%. (Quelle: Inklusionsbarometer 2016 der Aktion Mensch) (pers. Anmerkung: Ich krieg immer Brechreiz aus guten Gründen, wenn ich irgendwo die Aktion Mensch lese, weil sie ein Teil des problematischen Situation von Menschen mit Behinderung in Deutschland ist.) 

Im Wahlprogramm steht auf Seite 9 zur Beschäftigung bzw. Einstellung von Menschen mit Behinderung nur, man wolle mehr Offenheit. Aber es wird nicht konkret gesagt, mit welchen Instrumenten man das erreichen wolle, dass die Einstellung von Menschen mit Behinderung selbstverständlich wird und so die überdurchschnittliche Arbeitslosenquote zurückgeschraubt wird.

Ich kann mich aber noch sehr gut an den Vorstoß von Schäuble erinnern aus dem Jahr 2015 erinnern, wonach er die Ausgleichsgabe der Firmen verdoppeln wolle. Die Ausgleichsabgabe ist die Strafe der Firmen, wenn sie keine Menschen mit Behinderungen einstellen bzw. unter der vorgeschrieben Besetzung von Pflichtplätzen bleiben.

Das wäre mal das allerkleinste Instrument gewesen, welches die Union gut aufgreifen hätten können, aber davon steht nichts im Wahlprogramm.


Hier ist die Quelle zum Vorstoß von Schäuble: Die sogenannte Ausgleichsabgabe soll von derzeit durchschnittlich rund 2000 Euro je unbesetzten Pflichtarbeitsplatz auf rund 4000 Euro pro Jahr steigen.

Ab dem Erhebungsjahr 2016 beträgt die Höhe der Ausgleichsabgabe je unbesetzten Pflichtplatz:
  • 125 Euro bei einer Beschäftigungsquote von 3 % bis weniger als 5 %
  • 220 Euro bei einer Beschäftigungsquote von 2 % bis weniger als 3 %
  • 320 Euro bei einer Beschäftigungsquote von weniger als 2 %
Erleichterungen für kleinere Betriebe bzw. Dienststellen: Arbeitgeber mit
  • jahresdurchschnittlich weniger als 40 Arbeitsplätzen müssen einen schwerbehinderten Menschen beschäftigen; sie zahlen je Monat 125 Euro, wenn sie diesen Pflichtplatz nicht besetzen;
  • jahresdurchschnittlich weniger als 60 Arbeitsplätzen müssen 2 Pflichtplätze besetzen; sie zahlen 125 Euro, wenn sie weniger als 2 Pflichtplätze besetzen, und 220 Euro, wenn weniger als 1 Pflichtplatz besetzt ist. 
Quelle: https://www.integrationsaemter.de/Fachlexikon/Ausgleichsabgabe/77c350i1p/ 


Mich hat das Begutachten das Wahlprogramms der CDU sehr ernüchtert - Menschen mit Behinderung werden so gut wie gar nicht erwähnt, es gibt keine konkreten Instrumente, womit man überhaupt die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung entscheidend verbessern will.

Kurz gesagt: Es müssen Instrumente her, die Menschen mit Behinderung exakt die gleichen Rechte und Chancen geben in allen Lebensbereichen von A-Z. Eine Behinderung zu haben darf nicht dazu führen, dass man ausgegrenzt wird und automatisch in die Armutsfalle und Bildungsferne rutscht.

Ab heute gibt es übrigens das Wahlprogramm der CDU auch mit Gebärdensprache, worüber ich über meine Quellen informiert war und auch deswegen abgewartet habe, bis ich diesen Blogbeitrag hochlade. Das Wahlprogramm der CDU in Gebärdensprache findet man hier:
CDU-Wahlprogramm in Gebärdensprache 2017-2021

Was sagt ihr denn dazu?

Freitag, 24. März 2017

Sandmännchen mit Gebärdensprache - aber nur im Internet!

Wer kennt dieses Abendritual in unzähligen Haushalten mit Kindern nicht? "Nach dem Sandmännchen geht es ins Bett!"

Auch ich saß als Kind in meiner Hängeschaukel, welche in den 80ern wirklich zu fast jedem Haushalt gehörte und nuckelte an meinem Kabagetränk bei meinem abendlichen Einschlafritual mit dem Sandmännchen. Natürlich kam das damals ohne Untertitel und ohne Gebärdensprache - davon war nur zu träumen damals.

Ich habe es aber trotzdem gerne angeschaut, weil die Bildersprache von Sandmännchen schon immer sehr visuell war und darauf stehen auch gehörlose Kinder vor allem.

Im November 2016 kam dann die Meldung, dass das Sändmänchen nun mit Gebärdensprache gezeigt wird. Gute Nachricht, könnte man meinen, aber wie so oft steckt eben der Teufel auch im Detail:

Das Sandmännchen mit Gebärdensprache wird nur im Internet gezeigt, das heißt man versteckt das Angebot mit Gebärdensprache im Internet.

Was sollen bitte gehörlose Kinder daraus lernen? Gebärdensprache ist nicht gut genug für das Fernsehen?

Und wie sollen bitte hörende Kinder mitbekommen, dass es eben auch Gebärdensprache gibt? In meinen Augen verschenkt man hier eine großartige Chance für inklusives Fernsehen von hörenden und gehörlosen Kindern: Gehörlose Kinder lernen, dass die Gebärdensprache ernst genommen wird und hörende Kinder lernen, dass es die Gebärdensprache gibt.

Was auch ein wichtiger Faktor ist, der für die Ausstrahlung der Gebärdensprache im TV spricht und essentiell ist: Gerade für das Verständnis der Gebärdensprache ist es sehr wichtig, dass die Übertragung ruckelfrei passiert und da ist nun mal das Fernsehen das Medium der ersten Wahl, denn wenn wir mal auf den Bandbreitenausbau in Deutschland gucken, vor allem auf dem Land, sieht man, wie wenig das Internet in vielen Gebieten Deutschlands noch geeignet ist für das Medium Gebärdensprache.
(UPDATE per Einschieber am 28. März zur Brandbeite in Deutschland: Die Leute von Netzpolitik haben sehr genau aufgedröselt, wie düster es wirklich um den Empfang von Brandbreite in Deutschland aussieht: https://netzpolitik.org/2017/breitband-in-deutschland-bitte-warten/)

Schon gar nicht als Internetfernsehen.

Das will man aber beim RBB nicht einsehen - hier kann man die Einstellung des RBB nachlesen:










Damit ich es richtig verstehe: Beim RBB Fernsehen ist man also der Ansicht, dass man mehr Menschen die Möglichkeit gibt zu fernsehen wie sie es wollen, indem man die Gebärdensprache nur im Internet anbietet?

Meiner Meinung nach macht es der RBB hier sehr einfach: Man versteckt das Angebot in Gebärdensprache, welches man finanziert - nach einer Weile lässt man das Programm auslaufen mit der Begründung: Das wurde zu wenig angeklickt. Und zack kann man es sich zugute halten:"Wir haben es ja mal versucht, hat nur keinen interessiert."

Ein wirklich konsequentes Bekenntnis zum barrierefreien Sandmännchen wäre, wenn man Sandmännchen direkt im Fernsehen mit Gebärdensprache zeigt.

Alles andere ist gar kein Fortschritt. Gehörlose sind doch nicht in der Bringschuld, dass SIE aufrüsten/umziehen müssen, wenn sie das Angebot mit Gebärdensprache nur durch das Internet können.

Das Fernsehen hier ist in der Bringschuld - Barrierefreiheit muss direkt über die Fernbedienung des Fernsehers verfügbar sein und nicht über das "Sonderangebot" in Gebärdensprache in der Mediathek. Es ist wirklich noch ein langer Weg bis dahin, bis wirklich alle Haushalte einen Fernseher haben, der smart genug ist, um auf die Mediathek zugreifen zu können.

Die Haltung des RBB ist wirklich schlimm, denn im Grund genommen ist die Aussage, wenn man diese auf Hörende übertragt, so: "Wir bieten zwar im Fernsehen das normale Bild an, aber halt keinen Ton an - ihr müsst schon ins Internet gehen, um Ton, wie ihr ihn braucht, zuschalten zu können."

Dabei könnte man alles aus einer Hand anbieten. Mit Hörenden würde das Fernsehen nie herumspringen, aber mit Gehörlosen macht man das.

Und das ist eben keine Inklusion, auch wenn man sich dieses Ettiket draufpappt und sich dafür feiern will wie der RBB und andere Fernsehsender, sondern das ist Exklusion.

Für bewusst ausgeführte Exklusion gibt es von mir halt kein Lob, sondern eben: #Slowclap:


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Mittwoch, 8. März 2017

Der Grimme-Preis und die Aussage dahinter

Vorweg möchte ich gleich was festhalten: Auch mein Tatort "Totenstille" war für den diesjährigen Grimme-Preis nominiert in der Kategorie "Spezial" für das Konzept und Einbindung der Gebärdensprache. Diese Nominierung hat bei uns im Team einen Freudenschrei hervorgerufen, denn bei dem Thema "Menschen mit Behinderung" heißt es seitens des Fernsehen ja allzu oft: "Das interessiert doch niemanden." Wir sind da wirklich sehr auf dem Tisch herumgehüpft - das ganze Team, denn jeder hat an die Geschichte und somit an das Thema geglaubt.

Die Einschaltquote des Tatort "Totenstille" hat eine andere Sprache gesprochen: 9,69 Millionen Menschen sahen zu - abgeschaltet hat auch keiner während der Sendung laut den Zahlen. In der gewichteten Quote sahen sogar 9,75 Millionen zu. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Ein "solches" Thema kann sogar eine mörderisch gute Quote erreichen für einen Tatort im Jahr 2016 - er findet sich jedenfalls unter den Top Ten der meistgesehenen Tatorte dort.

Die Nominierung für den Grimme-Preis war also auch ein ermutigendes Zeichen zu verstehen, dass man es für vorbildlich und fortschrittlich hält, dass im Tatort "Totenstille" einige Szenen in Gebärdensprache gar nicht gevoict oder untertitelt wurden für die hörenden Zuschauer und zudem alle gehörlosen Rollen von gehörlosen Schauspielern gespielt wurden.

Das war ein wichtiges Zeichen, da ja auch das ZDF alleine im JANUAR 2017 zwei Filme zeigte, wo Gehörlose und Gebärdensprache eine Rolle spielten, aber die gehörlosen Rollen bekamen die hörenden Schauspieler. Und bei beiden Filmen (Mörderische Stille und "Frühling- Schritt ins Licht"  konnte ich kaum hinsehen, wenn in Gebärdensprache gesprochen wurde, weil man deutlich merkte, dass die Gebärdensprache in keinster Weise so beherrscht wurde wie Gehörlose es nun mal tun. Auch schafen es hörende Schauspieler einfach nicht, die Art wie Gehörlose schauen anzueignen. Diese Art ist ein Erkennungszeichen von uns Gehörlosen aneinander.

Der Grimmepreis ehrt seit 1964 Produktionen und Fernsehleistungen, die laut den Statuten des Grimme-Institut, die die spezifischen Möglichkeiten des Medieums Fernsehen auf hervoragende Weise nutzen und nach Inhalt und Methode Vorbild für die Fernsehpraxis sein können.

Letzten Herbst sendete Pro7 die Sendung "Applaus und Raus", die mit dem Hashtag #GastoderSpast" heftig beworben wurde.  Die Aussage hinter dem Hashtag spricht eine sehr deutliche Sprache: "Entweder bist du ein Gast und wenn nicht, dann bist du ein Spast." Da gibt es gar nichts zu beschönigen oder mit "Aber das ist doch schwarzer Humor, Mensch!" zu entschuldigen. Diese Abwertung von Menschen mit Behinderung auf so eine öffentliche Art ist das gleiche wie Trumps " "Grab them by the Pussy“ oder auch die öffentliche Nachäffung eines Journalisten mit Behinderung durch Trump im Wahlkampf.

Und so ein Mobbing-Verhalten ist einen Grimme-Preis wert? Die Aussage hinter dieser Auszeichnung des Formats "Applaus und Raus" ist: Deutsche Fernsehunterhaltung ist besonders wertvoll, wenn sie Menschen mit Behinderung diskriminiert und befeuert auf diese Weise Witze auf dem Rücken von Menschen mit Behinderung, wodurch die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung salonfähig gemacht wird. Und eine zweite Aussage ist auch dabei: Menschen mit Behinderung können und wollen wir nicht im Fernsehen sehen. Auch nicht als Gast/Gäste.

Nach der Kritik von Menschen mit Behinderung und Nichtbehinderung am Hashtag #GastderSpast wurde der geändert und was noch schlimmer war: Auch der Account hieß selbst bis zum (selbstgewollten) Shitstorm @GastoderSpast.



Es ist also ganz klar nicht der Fall, dass es "nur" der Hashtag war, sondern der Account hieß sogar eine ganz lange Weile so, bis er sich dann in @ApplausundRaus umbenannt hat.

Laut Pro7 und von Seiten des Moderators war die Kritik ja scheinheilig - wenn deren Sicht so war, dann hätte doch von deren Seite keine Notwendigkeit zur Änderung bestanden? Das sagt viel aus.

Kann mir jemand erklären, wo hier die Vorbildfunktion einer solchen Sendung sein soll, die Menschen mit Behinderung abwertet? Ich sehe sie nicht - auch nicht mit der Lupe und so wie mir ergeht es vielen anderen Menschen mit Behinderung die auch schon letzten Herbst darüber entsetzt waren und sich in Social Media und in Blogs bereits zu Wort geäußert haben, warum die Sendung behindertenfeindlich ist.

Ich möchte nicht, dass Behindertenfeindlichkeit und Ausgrenzung irgendwelcher Art salonfähig wird und man Preise dafür kriegt - das bringt nämlich nicht die Mobber dazu  mit ihrem Verhalten aufzuhören, sondern das spült erst recht richtig Wasser auf deren Mühlen: "Juchu, mit der Diskriminierung und Abwertung von Menschen mit Behinderungen kommt man weit."

Bei mir nicht. Ich halte jedenfalls mein Stoppschild dagegen hoch und werde mich jederzeit gegen Behindertenfeindlichkeit wehren. Und ich bin sehr froh darüber, dass ich nicht alleine damit bin, sondern viele andere Menschen kenne, die auch gegen Behindertenfeindlichkeit sind und mitkämpfen.

Noch ein freundlicher Hinweis: Ich habe nichts gegen gut gemacht Witze über Menschen mit Behinderungen - die besten Witze über uns kommen aber in der Regel von uns selbst.

Und wer das nicht verstanden hat, warum es so wichtig ist, dass auch Menschen mit Behinderung mit Respekt behandelt werden, versteht es wohl auch nicht, warum Thomas Hitzlsperger recht damit hat, dass man über Sexualität reden muss, bis es normal ist.

Übrigens: Nur 4 % der Menschen mit Behinderungen sind von Geburt an behindert, die übrigen 96% erwerben diese im Laufe des Lebens. Niemand gibt euch Nichtbehinderten die Garantie dafür, dass ihr nicht irgendwann eine Behinderung habt und somit auf der Seite der Menschen mit Behinderung steht - wollt ihr dann auch, dass man Witze auf eurem Rücken und Kosten macht, über die ihr selbst nicht lachen könnt?

Ich ziehe meinen Hut vor den zwei Jury-Mitgliedern Jürn Kruse und Dieter Anschlag, die sich vom Grimme-Preis für "Applaus und Raus" distanziert haben und die Kritik von Menschen mit Behinderungen und Nichtbehinderten an der Sendung teilen. Dieser Aufstand der Anständigen war bitter nötig. Danke für das Aufstehen und die nötige  Distanzierung.

Mehr kann ich nicht sagen, weil ich immer noch so entsetzt darüber bin, dass ein Jurymitglied Kruse vorgeworfen hat, er würde moralisch erpressen und überhaupt würde der Moderator von "Applaus und Raus" ja auch sein Päckchen an Behinderung mit sich herumtragen, weil er ja mal Depressionen hatte.

Mir fehlt einfach die Sprache darüber über den ganzen Ablauf und erst recht über die knallharte Aussage hinter dem Preis.

Es ist sehr, sehr, sehr, sehr traurig, wie sehr der Grimmepreis sich mit der Ehrung lächerlich gemacht hat - im Rückblick kommt einem die Nominierung für "Das Dschungelcamp" einem richtig harmlos und lieb gemeint vor.

Zum Schluss möchte ich noch eins klarstellen, weil ich es mir denken kann, dass mir wohl einige unterstellen werden, dass ich diese Zeilen nur  deswegen schreibe, weil der Tatort "Totenstille" nicht ausgezeichnet wurde: Nein - das ist nicht der Grund für diese Zeilen - ich wiederhole mich nochmal: Behindertenfeindlichheit ist nicht azeptabel.

Montag, 9. Januar 2017

"Mörderische Stille" und die Illusion der Hörenden über die Gehörlosen

Heute Abend kommt um 20:15 Uhr der Kriminalfilm "Mörderische Stille" auf ZDF - ursprünglich hieß der Film sogar "Lautloser Schrei".

Das ist meine Rezension des Films als Betroffene. Als Gehörlose und somit als Expertin in eigener Sache.

Den Film konnte ich übrigens vorab anschauen und konnte es übrigens kaum ertragen. Das liegt nicht an der Darstellung von Jan Josef Liefers, den ich als Schauspieler übrigens sehr liebe, weil er den Mimikjunkie in mir befriedigt mit seiner vielfältigen Spielweise und ich ihm gerne nicht nur im Tatort zuschaue - Liefers ist eindeutig mehr als nur den Boerne im Tatort. Die beste Darstellung, die er abgeliefert hat war bisher in meinen Augen im Film "Simon - Jede Familie hat ihr Geheimnis."

Es liegt daran, dass man die gehörlose Rolle im Film, die der Elena Kühnert mit Sylvie Testud besetzt hat. Sylvie Testud ist eine französische Schauspielerin und hörend. Bekannt wurde sie dem Publikum als hörende Tochter gehörloser Eltern im Film "Jenseits der Stille" von Caroline Link.

Elena Kühnert in "Mörderische Stille" aber ist gehörlos und wird von einer hörenden Schauspielerin gespielt. Diese Art der Besetzung ist Blackfacing. Was ist eigentlich Blackfacing? In Hollywood hat man in den frühen Anfängen weiße Schauspieler schwarz angemalt, wenn diese schwarz sein mussten für die Rollen.

Die Botschaft dahinter war stets: "Schwarze können keine Schauspieler sein." Und genau diese gleiche strukturelle Diskriminierung findet statt, wenn Nichtbehinderte Schauspieler Rollen mit Behinderung spielen. Sie nehmen so auf diese Weise den Schauspielern mit Behinderung die Rollen weg.

Eine Behinderung zu spielen ist nicht das gleiche, als würde man einen Alkoholkranken/Krebskranken/Mörder oder sonst was spielen. Man kann einen Alkoholkranken spielen, weil man sich hineinlesen kann in die Gedankenwelt und dieser Leute und das auch umsetzen kann, weil man beide Seiten der Perspektive so erfahren kann.

 Eine Behinderung zu haben ist nicht einfach nur eine Behinderung zu haben, sondern es ist das Leben damit. Und dieses Leben kann man nicht einfach mit ein bisschen "Ich setz mich mal für paar Tage in den Rollstuhl/lerne mal für paar Wochen Gebärdensprache" umsetzen. Dazu gehört soviel mehr.

Ich kenne keinen einzigen Nichtbehinderten Schauspieler, der es je geschafft hat, glaubwürdig und authentisch einen Menschen mit Behinderung zu darstellen, so dass man den Schauspieler hinter der Rolle völlig vergisst in der Art: "Oh, der ist das wirklich."

In der Gehörlosenszene ist niemand begeistert davon, dass eine hörende Schauspielerin eine gehörlose Rolle bekommen hat.

Störend an der Darstellung der Rolle von Elena Kühnert ist sovieles: Die Gebärdensprache ist absolut nicht flüssig, es sieht wahnsinnig abgehackt und steif aus. Und sie nimmt sich das heraus, den Kommisar, gespielt von Liefers, einfach so anfassen und küssen zu dürfen - die ist behindert, die darf übergriffig sein und beide haben ja eh das gleiche Schicksal: Sie hört nichts - er hat einen Tinnitus. Und es ist total unglaubwürdig, dass sie nicht gleich checkt, dass ihr Mann ins Wasser gefallen ist bei der Wende und von Holzer angestupst werden muss.  Gehörlose reagieren nämlich sehr schnell auf visuelle Veränderungen.

Diese Zeichnung, dass man als Mensch mit Behinderung so übergriffig sein darf, ist äußerst klischeebehaftet.

Was Sylvie Testud da spielt: Es ist die Illusion der hörenden Welt, wie man sich das so vorstellt mit der Gehörlosigkeit.  Es passt überhaupt nichts zusammen bei der Darstellung - die Körpersprache ist immer noch die einer Hörenden, der Ausdruck in den Augen ist immer noch hörend. Gehörlose GUCKEN ganz anders mit den Augen - das kann man nicht lernen.

Wir Gehörlosen erkennen uns an den Augen. Ich hab das schon sehr häufig erlebt, wenn ich z.B. im Zug sitze und mir unbekannte Leute sehe, die gerade nicht gebärden oder sprechen - aber durch den Augenkontakt erkennen wir aneinander und dann geht es los durch:"Du gehörlos? Woher bist du denn?" mit dem Austausch. Das kann man sich nicht vorstellen, aber es ist so.

Daran erkennen wir Gehörlose auch immer im Fernsehen, wenn hörende Schauspieler Gehörlose spielen, dass es hörende Schauspieler sind.

Elenas Mann Michael Kühnert, gespielt von Peter Lohmeyer, gebärdet auch sehr abgehackt und befolgt zudem die einfachsten Kommunikationsregeln im Umgang mit Gehörlosen nicht.

Zudem darf man einen Gehörlosen auch nicht ohne Gebärdensprachdolmetescher auch nicht verhören, weil dann ein mögliche Geständnis und somit die Aussagen wertlos werden können.

Ich hatte übrigens sehr gehofft, dass Fromm es schafft mit seiner Bildersprache die Schönheit der Gebärdensprache zu zeigen. Aber leider missachtet die Kameraführung auch sehr den und schneidet den Gebärdensprachraum ab, so dass die Hände nicht mit im Bild sind oder unterhalb im Bild, sodass die Gebärdensprache abgehackt und unrund erscheint auf dem Bild und somit auch grob unverständlich scheint. Außerdem gehört zur Gebärdensprache auch das Mundbild - es wurde aber kaum verwendet - zur Gebärdensprache gehört eben viel mehr als nur die Hände und die Mimik.

Für die Rolle der Elena Kühnert hätte mir und vielen anderen Gehörlosen die gehörlose französische Schauspielerin Emanuelle Laborit, die Mutter aus "Jenseits der Stille" viel beser gefallen. FunFact ist übrigens: Sylvie Testud, die die hörende Tochter gehörloser Eltern in "Jenseits der Stille" gespielt hat, ist im echten Leben ein Jahr älter als Emanuelle Laborit, die ja im Film ihre Mutter gespielt hat.

Die einzigen authentischen Gehörlosen, die man da im Film sieht, sind übrigens die gehörlosen Segler  am Heck des Bords. Und selbst da ist die Kameraführung äußerst gemein zu ihnen und der Gebärdensprache. Man sieht aber trotzdem sehr gut, wie hoch Qualität der gezeigten Gebärdensprache ist und wie flüssig sie abläuft, wenn man es eben auf Muttersprachniveau kann - da gegen fallen Lohmeyer, Testud und deren Tochter Brandmaier mit ihrer abgehackten Gebärdensprache doch extrem deutlich ab.

Beim Verhör selbst sah man eine Gebärdensprachdolmetscherin, die übrigens auch im echten Leben als Gebärdensprachdolmetescherin arbeitet. Auch dort konnte man im Vergleich zu Testud sehen, wie schlecht und laienhaft sie gebärdet.

Schade um die Chance, die das ZDF da verschenkt hat besetzungstechnisch.

Funfact: Es gab übrigens eine Fachberatung bei "Mörderische Stille" durch eine Gehörlose, die ich auch kenne. Man hat aber nicht auf sie gehört. Kein Wunder, dass dann so eine Vergewaltigung der Gebärdensprache bildtechnisch passiert und der weitere Rest auch auch sehr verquer ist.

Wenn nicht mal das Fernsehen den Mut hat zur inklusiven Besetzung, wie soll dann die Gesellschaft spielerisch durch das Fernsehen mitbekommen, was für ein Geschenk und Chance die Inklusion ist?

Ich habe übrigens schon mal auch sehr umfassender als gerade jetzt zur Blackfacing-Besetzung beim Film gebloggt:

Blogpost Schrecklich "behinderte" Schauspieler  von Februar 2015.

Was mich heute immer noch sehr stolz macht: Mein Tatort "Totenstille" mit dem Team aus Saarbrücken vom 24. Januar 2016 hatte eine Einschaltquote von 9,69 Millionen Zuschauern und landete damit unter den Top Ten der quotenstärksten Tatorte im Jahr 2016. Alle gehörlosen Rollen im Tatort wurden auch von gehörlosen Schauspielern gespielt - damit wurde der Beweis erbracht: Authentische und inklusive Besetzung ist erfolgreich.

Weitere Beispiele? "Jenseits der Stille" wurde ja auch schon genannt - dort wurden ja alle gehörlosen Rollen ebenfalls von gehörlosen Schauspielern gespielt. Oder "Switched at Birth." - dort sind ebenfalls alle gehörlosen Rollen mit gehörlosen Schauspielern besetzt. Achja, "Gottes vergessene Kinder" mit der gehörlosen Schauspielerin Marlee Matlin.

Und übrigens: Der Film "Der mit dem Wolf tanzt" kam auch deswegen so gut an, weil die Ureinwohner Amerikas dort sich selbst alle gespielt haben. Anders bei "Winnetou" - dort hat man kroatische/albanische Schauspieler die Ureinwohner spielen lassen. Meiner Meinung nach ist das auch einer von vielen  Gründen, warum das Remake so sagenhaft floppte.

Ich kenne übrigens alle Argumente gegen inklusive Besetzung zur Genüge und sie zählen alle für mich nicht, weil ich eben den Beweis mit meinem Tatort angetreten habe, dass es auch inklusiv geht.

Man muss nur wollen.

Und solange die Filmindustrie so mut- und saftlos ist bei bei der Besetzung ist, darf sie sich nicht wundern bei so einer geharnischten Kritik von Betroffenen, wenn es um die Besetzung und Menschen mit Behinderungen im Film geht.

Wir haben 2017, Leute.

Im übrigen habe ich gerade eine sehr spannende Wetter mit jemandem aus dem Filmgeschäft laufen. Mal sehen, wer diese gewinnt.